Stillwissen

Kann ich mich auf die Stillzeit vorbereiten? (Und warum Stillkissen dabei die kleinste Rolle spielen)

Erinnerst du dich noch an den Moment, als du den positiven Schwangerschaftstest in den Händen gehalten hast?

Plötzlich dreht sich alles um Kinderwagen, die perfekte Kliniktasche und die Frage, welches Beistellbett das Beste ist.

Und das Stillen?

Vielleicht geht es dir wie so vielen Schwangeren:

Du schaust dir ein paar Videos an, spürst dieses leise, mulmige Gefühl im Bauch und beschließt:

„Ich lasse es einfach auf mich zukommen. Die Natur wird das schon regeln.“

Es ist ein wunderschöner Gedanke, sich auf die Natur zu verlassen.

Doch die Realität in unseren normalen Kreißsälen und der oft stressige Babyalltag halten sich selten an das, was wir in den harmonischen Videos sehen.

Die gute Nachricht ist:

Ja, du kannst dich auf die Stillzeit vorbereiten!

Aber nicht, indem du deine Brustwarzen mit einem harten Handtuch „abhärtest“

(bitte streiche diesen veralteten Mythos aus deinem Kopf!)

Die wahre Vorbereitung passiert nicht an deinem Körper.

Sie passiert in deinem Kopf und in deinem Umfeld!

„In dem Moment, in dem ein Kind geboren wird, wird auch eine Mutter geboren. Sie existierte vorher nicht. Die Frau existierte, aber die Mutter, niemals. Eine Mutter ist etwas absolut Neues.“

(Osho)

Viele frischgebackene Mütter verzweifeln am zweiten oder dritten Tag nach der Geburt.

Das Baby weint, will ununterbrochen an die Brust und die Sorge wächst:

„Meine Milch reicht nicht. Mein Baby wird nicht satt.“

Wenn du dieses eine biologische Faktum kennst, bist du bereits 90% aller Mütter einen Schritt voraus:

Am ersten Tag nach der Geburt ist der Magen deines Babys gerade einmal so groß wie eine kleine Haselnuss.

Es passen pro Mahlzeit nur winzige 5 bis 7 Milliliter hinein.

Und genau darauf ist dein Körper perfekt vorbereitet.

Er produziert in den ersten Tagen das sogenannte Kolostrum – das „flüssige Gold“.

Es ist dickflüssig, vollgepackt mit Abwehrkräften und kommt tropfenweise.

Es ist genau das, was dein Baby braucht.

Der große, spürbare Milcheinschuss kommt erst zwischen dem dritten und fünften Tag.

Das Schreien verstehen: Es ist nicht immer Hunger

Wenn dein Baby in den ersten Tagen viel weint, bedeutet das nicht automatisch, dass deine Milch nicht reicht.

Das Schreien erzählt oft davon, wie unendlich anstrengend die Geburt für dieses kleine Wesen war.

Es verarbeitet das grelle Licht, die Kälte, die Enge und die Wucht des Ankommens in unserer lauten Welt.

Die passende Lösung wurde uns von der Natur geschenkt

Viele Mütter versuchen in diesen unruhigen Momenten instinktiv, das Baby durch Schaukeln, Wiegen oder Singen zu beruhigen – und geraten in Stress, wenn das nicht funktioniert.

Dabei darfst du es dir einfacher machen:

Deine Brust ist jetzt genau das, was dein Baby braucht.

Sie liefert dem Baby deinen vertrauten Herzschlag, deine Wärme und pure Geborgenheit.

Für die Praxis im Wochenbett heißt das:

Es gibt kein „Zu oft“.

Ganz im Gegenteil:

Dieses häufige Saugen ist der biologische Motor für deinen Körper.

Es signalisiert den Hormonen, dass der Bedarf da ist, und kurbelt den Milcheinschuss effektiv an.

Wenn das Baby stattdessen zu selten angelegt wird, verzögert sich dieser Prozess oft – das Baby wird unruhiger und der psychische Druck, doch zur Flasche zu greifen, steigt völlig unnötig.

Mach dir den Start also so unkompliziert wie möglich und lass dein Baby an die Brust.

Früher wuchsen Frauen im Kreis von stillenden Schwestern, Tanten und Müttern auf.

Das Wissen wurde ganz unbewusst weitergegeben.

Heute sitzen wir oft alleine im Wochenbett und müssen uns alles mühsam ergoogeln.

Nutze die Schwangerschaft, um dir dein eigenes, künstliches Dorf aufzubauen:

  • Die Notfall-Liste: Suche dir schon jetzt die Telefonnummern einer zertifizierten Stillbegleiterin (z.B. DAIS oder IBCLC) und einer stillfreundlichen Hebamme in deiner Nähe heraus. Schreibe sie auf einen Zettel und hänge ihn an den Kühlschrank. Wenn Fragen oder Schmerzen auftauchen, hast du keine Kraft mehr für die Online-Suche. Zu wissen, dass Hilfe nur einen Anruf entfernt ist, gibt enorme mentale Sicherheit.
  • Weihe deinen Partner ein: Dein Partner oder deine Partnerin ist dein wichtigstes Schutzschild im Wochenbett. Erkläre ihm oder ihr noch in der Schwangerschaft was Clusterfeeding ist und dass Stillen am Anfang Zeit braucht. Seine/ Ihre Aufgabe ist es nicht, dir eine Flasche zu empfehlen. Seine/ Ihre Aufgabe ist an deiner Seite zu stehen, die Hand in den Rücken zu legen und dir ein Glas Wasser zu reichen.
  • Bereite dein Umfeld vor: Deine Familie wird ganz neugierig auf das Baby sein, alle wollen es kennenlernen und mal auf dem Arm halten. Mache dir schon Jetzt Gedanken darum, wie Besuche ablaufen sollen und was du zulassen oder nicht zulassen möchtest. Wie möchtest du dich mitteilen, dass jemand zu besuch kommen kann. Sollen Besucher etwas zu Essen für euch mitbringen um euch zu entlasten? Auch „schlaue Kommentare“ und das Verhalten bei Rauchern sollte vorher klar abgesprochen werden.

Es gibt ein Thema, das in klassischen Schwangerschaftskursen leider viel zu selten besprochen wird, das dir aber eine unglaubliche emotionale Sicherheit schenken kann:

Die Kolostrum-Gewinnung vor der Geburt

Ab der 37. Schwangerschaftswoche (SSW 36+0) darfst du – nach Absprache mit deiner Hebamme oder Stillbegleiterin – lernen, ganz sanft mit der Hand Kolostrum aus deiner Brust zu gewinnen.

Die winzigen, kostbaren kleinen Tropfen dieser ersten Milch fängst du mit einer kleinen Spritze auf und frierst sie zu Hause ein.

Wichtig hierbei ist immer, das Einfrierdatum draufzuschreiben.

Warum dieser Schritt so unendlich wertvoll ist:

Jede werdende Mutter wünscht sich einen perfekten, ungestörten Start.

Doch das Leben hält sich nicht immer an Pläne.

Manchmal verläuft die Geburt anders, es kommt zu einem Kaiserschnitt, oder das Baby braucht nach der Geburt – so wie mein eigener Sohn damals – für die ersten Stunden etwas medizinische Unterstützung auf der Neugeborenenstation.

Besonders Wertvoll ist diese erste Milch bei Müttern mit einer Schwangerschaftsdiabetes.

Wenn dein Baby für einen kurzen Moment von dir getrennt ist oder eine Unterzuckerung deines Babys droht (bei Schwangerschaftsdiabetes), kann die Spritze mit deinem eingefrorenen Kolostrum gegeben werden, ohne vorschnell auf Säuglingsnahrung zurückgreifen zu müssen.

Es ist beruhigend zu wissen:

Du nimmst den Druck aus der Situation.

Du hast bereits für dein Kind gesorgt, noch bevor es überhaupt auf der Welt ist.

Dieses Wissen im Hinterkopf zu haben, ist wie ein unsichtbarer, schützender Mantel für deine Seele im Kreißsaal.

Die Babyindustrie möchte uns glauben lassen, dass wir für eine erfolgreiche Stillzeit unzählige Produkte kaufen müssen.

Die Wahrheit ist:

Die Natur hat alles, was du brauchst, bereits eingebaut.

Das brauche ich:

Das brauche ich nicht:

  • Bequeme Kleidung (Oberteile zum knöpfen)
  • Weiche, atmungsaktive Stilleinlagen
  • eine Tube reines Linolin
  • Energiereiche Snacks (Nüsse, Stillkugeln)
  • Stillhütchen (Verändert Saugverhalten und kann Probleme verursachen)
  • Stillpumpe (bekommt man bei Bedarf auf Rezept)
  • Fläschchen und Schnuller

Sich auf das Stillen vorzubereiten bedeutet nicht, einen perfekten, starren Plan zu haben.

Jede Stillbeziehung ist eine eigene, ganz intime Reise zwischen zwei Menschen, die sich erst noch aneinander gewöhnen müssen.

Es ist ein Lernen auf beiden Seiten.

Du kannst nicht jede Kurve des Weges voraussehen.

Aber du kannst dir für die Schwangerschaft eine gute Karte und einen Kompass einpacken.

Mit dem richtigen Wissen im Kopf und den passenden Menschen an deiner Seite darfst du voller Vertrauen und Geborgenheit in eure gemeinsame Stillzeit starten.

Du und dein Körper – ihr seid bereit dafür.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert