Stillwissen

Stillen ist natürlich – und trotzdem nicht immer sofort einfach

Ich erinnere mich noch genau an meine erste Schwangerschaft mit meinem Sohn.

Ich saß mit meinem runden Bauch auf der Couch, meine Hände ruhten auf ihm und ich stellte mir eine Frage:

Möchte ich stillen?

Meine Antwort kam sofort:

Ja. Auf jeden Fall.

Stillen war für mich etwas ganz Natürliches.

Ich wollte meinem Kind das Beste geben, was ich ihm geben konnte.

In meiner Vorstellung gehörte Stillen einfach dazu.

Doch dann kamen plötzlich Fragen auf:

Wie stillt man eigentlich?

Ich hatte noch nie bewusst gesehen, wie eine Mutter stillt.

Also begann ich, Videos anzuschauen.

Und plötzlich wurde aus etwas, das sich für mich ganz natürlich angefühlt hatte, eine Welt voller neuer Begriffe:

Verschiedene Stillpositionen. Richtiges Anlegen.

Schmatzen. Brustverweigerung.

Und ich dachte nur:

„Moment … man muss so viel wissen und beachten?“

Je mehr Videos ich mir anschaute, desto unsicherer wurde ich.

Überall hörte ich, woran man erkennt, dass etwas nicht richtig läuft – aber kaum jemand erklärte verständlich, was man tun kann, wenn es wirklich so kommt.

Und ganz ehrlich:

Mit dem Gedanken „Was ist, wenn es nicht klappt?“ wollte ich mich damals gar nicht beschäftigen.

Ich schob alles beiseite und sagte mir:

„Die Natur wird das schon regeln. Ich bereite mich lieber auf die Geburt vor.“

Schließlich sind wir doch dafür gemacht, unsere Kinder zu stillen, oder?

Warum sich Stillen heute manchmal fremd anfühlt

1. Uns fehlt oft das Dorf, mit dem wir eigentlich groß werden sollten

Über viele Generationen hinweg lebten Menschen in größeren Gemeinschaften. Babys und Kinder waren überall. Stillen gehörte ganz selbstverständlich zum Alltag.

Mädchen sahen Mütter stillen. Sie beobachteten, halfen mit und bekamen ganz nebenbei mit, wie unterschiedlich Stillen aussehen kann.

Heute sieht unsere Welt oft anders aus.

Viele Frauen sehen bis zur Geburt ihres eigenen Babys kaum eine stillende Mutter. Manche erleben das erste bewusste Stillen überhaupt erst mit ihrem eigenen Kind.

Und plötzlich sollen wir etwas können, das wir selbst bei Anderen nie erleben durften.

2. Stillwissen wurde über Generationen unterbrochen

Mit den Jahren veränderte sich das Familienleben immer mehr.

Flaschennahrung brachten Familien neue Möglichkeiten und mehr Flexibilität. Gleichzeitig verschwand Stillen in vielen Bereichen zunehmend aus dem Alltag.

Und damit verschwand oft auch etwas anderes:

Erfahrungswissen.

Plötzlich wurde aus etwas, das früher beobachtet und erlebt wurde, zu etwas, das erklärt werden musste.

3. Wir möchten natürlich stillen – aber oft ohne Vorbilder

Heute wünschen sich viele Frauen eine natürliche und liebevolle Stillbeziehung.

Und gleichzeitig erleben viele etwas ganz anderes:

Sie sitzen alleine zu Hause, schauen Videos, lesen Artikel oder suchen nachts Antworten im Internet.

Früher standen oft mehrere Frauen um eine Mutter herum.

Heute stehen häufig Suchmaschinen und soziale Medien neben ihr.

Und das ist nicht dasselbe.

4. Natürlich bedeutet nicht automatisch einfach

Viele Frauen denken:

„Wenn Stillen natürlich ist, müsste ich es doch automatisch können“

Doch natürlich bedeutet nicht automatisch, dass etwas sofort klappt.

Laufen ist natürlich – und trotzdem fällt ein Kind viele Male hin.

Sprechen ist natürlich – und trotzdem braucht ein Kind Zeit, um es zu lernen.

Und auch Stillen darf wachsen

Mutter und Baby lernen sich kennen.

Sie lernen gemeinsam.

5. Wir haben heute viele Informationen – aber oft wenig Begleitung

Noch nie gab es so viele Informationen wie heute.

Videos, Ratgeber, Internetseiten und soziale Medien begleiten viele Frauen schon in der Schwangerschaft.

Und trotzdem fühlen sich viele Mütter allein.

Denn Wissen kann vieles erklären.

Aber manchmal brauchen wir etwas anderes:

Jemanden, der uns anschaut und sagt:

„Ich sehe dich. Ich bin da. Wir finden gemeinsam heraus, was ihr braucht.“

6. Der Druck ist größer geworden

Noch bevor ein Baby geboren wird, tragen viele Mütter bereits einen unsichtbaren Rucksack voller Erwartungen mit sich:

  • Stillen sollte funktionieren
  • Das Baby sollte gut schlafen
  • Die Bindung sollte sofort da sein
  • Man möchte alles „richtig“ machen

Wenn dann etwas anders läuft als erwartet, entsteht schnell das Gefühl:

„Warum fällt mir das so schwer?“

Dabei liegt es oft nicht daran, dass etwas mit der Mutter nicht stimmt – sondern daran, dass heute viele Frauen mit deutlich mehr Erwartungen und gleichzeitig deutlich weniger Begleitung starten.

Vielleicht fehlt dir nicht der Instinkt zum Stillen.

Vielleicht fehlt dir einfach das Dorf, das Frauen früher begleitet hat.

Meine Vorstellung von der Geburt war wunderschön:

Mein Sohn kommt zur Welt, wird mir auf die Brust gelegt und wir lernen uns ganz in Ruhe kennen.

Vielleicht zeigt mir jemand, wie ich ihn das erste Mal anlege und dann beginnt unsere gemeinsame Stillreise.

Doch manchmal schreibt das Leben seine eigene Geschichten.

Mein Sohn wurde ungeplant per Kaiserschnitt geboren.

Bei der Geburt bekam er Atemprobleme und musste auf die Neonatologie in ein anderes Krankenhaus verlegt werden.

Ich durfte mit verlegt werden – und trotzdem fühlte ich mich plötzlich unglaublich allein.

Dank Corona lag ich in einem Einzelzimmer.

Ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte.

Ich hatte meinen Sohn seit seiner Geburt vielleicht fünf Minuten gesehen.

Dann war er weg.

Mein Mann fuhr mit ihm mit.

Doch ich wusste nicht, wie es ihm ging.

Ich wusste nicht, wann ich ihn wiedersehen würde.

Und ich wusste nicht, was ich mit all meinen Gefühlen machen sollte.

Dann kam eine Frau in mein Zimmer – mit einem Lächeln und einer Milchpumpe in der Hand.

Sie war Stillbegleiterin.

Und mein persönlicher Engel.

Ich erinnere mich bis heute nicht genau daran, was sie alles erklärt hat.

Aber ich erinnere mich an einen Satz:

„Ich weiß, dass das schwer ist“

Genau das musste ich hören.

Kein „Mach dir keine Sorgen.“

Kein „Das wird schon.“

Einfach:

„Ich weiß, dass das schwer ist.“

Sie zeigte mir, wie ich abpumpen konnte und sagte:

„Ich weiß, dass du dir den Start anders vorgestellt hast. Aber gerade ist das genau das, was dein Baby und dein brauchen.“

Und sie hatte recht.

Also begann ich abzupumpen.

Alle zwei Stunden.

Tag und Nacht.

Mein Körper sollte verstehen:

„Dein Baby ist da.“

Geburt und unvorhersehbare Ereignisse können den Stillstart erschweren

1. Nicht jede Geburt beginnt so, wie wir sie uns vorstellen

Viele Eltern haben eine Vorstellung vom ersten Moment mit ihrem Baby:

Das Baby kommt zur Welt, wird auf die Brust gelegt und findet fast wie von selbst seinen Weg zur Brust.

Und manchmal beginnt eine Stillreise tatsächlich genau so.

Doch Geburten halten manchmal Überraschungen bereit.

Ein Kaiserschnitt, eine Verlegung auf die Neonatologie oder medizinische Unterstützung direkt nach der Geburt können den Start verändern.

Und plötzlich läuft alles ganz anders als gedacht.

2. Nicht nur Babys müssen nach der Geburt ankommen – Mütter auch

Nach der Geburt passiert im Körper unglaublich viel gleichzeitig.

Der Körper beginnt, die Milchbildung anzuregen. Hormone unterstützen die Bindung zwischen Mutter und Baby und beide lernen sich kennen.

Doch manchmal bleibt kaum Zeit dafür.

Vielleicht sitzt eine Mutter plötzlich alleine im Zimmer.

Vielleicht kreisen Gedanken um Sorgen oder Ängste.

Vielleicht fühlt sich alles einfach anders an als erwartet.

Und genau das darf traurig machen.

Denn auch eine Mutter darf erst einmal ankommen.

3. Ein Kaiserschnitt kann den Anfang verändern – nicht das Ziel

Ein Kaiserschnitt bedeutet nicht automatisch, dass Stillen schwierig wird.

Aber manchmal kann er den Anfang etwas holpriger machen.

Zum Beispiel durch:

  • Schmerzen bei der Geburt
  • Erschöpfung
  • Verzögerter Hautkontakt
  • Eine vorübergehende Trennung von Mutter und Baby

Das bedeutet nicht, dass Stillen nicht funktionieren kann.

Es bedeutet oft nur:

Der Weg beginnt anders.

4. Auch Babys bringen ihre eigene Geschichte mit

Nicht nur die Mutter erlebt eine Geburt.

Auch Babys erleben sie.

Ein Baby, das eine anstrengende Geburt hatte, Atemunterstützung brauchte oder zunächst über eine Sonde ernährt wurde, kann am Anfang manchmal müder sein oder anders trinken.

Und manchmal gibt es auch körperliche Besonderheiten, die das Stillen beeinflussen können.

Dazu kann zum Beispiel ein verkürztes Zungenband gehören. Manche Babys können die Brust dadurch schwieriger erfassen oder ihre Zunge nicht frei genug bewegen.

Nicht jeden Stillproblem steckt hinter einem verkürzten Zungenband – und nicht jedes verkürzte Zungenband verursacht Probleme.

Doch manchmal kann es hilfreich sein, auch Organisch alles zu hinterfragen, auf sein Bauchgefühl zu hören und nachzuforschen.

Nicht weil es nicht stillen möchte.

Sondern weil auch ein Baby sich erst erholen und ankommen darf.

5. Ein holpriger Anfang entscheidet nicht über eure Geschichte

Wenn etwas am Anfang anders läuft als geplant, entsteht schnell die Angst:

„Vielleicht klappt es jetzt gar nicht mehr.“

Doch ein schwieriger Start sagt nichts darüber aus, wie eure gemeinsame Reise weitergeht.

Manchmal braucht es einfach Zeit.

Manchmal Unterstützung.

Und manchmal jemanden der sagt:

“ Ich sehe dich. Ich weiß, dass das gerade schwierig ist.“

Nicht jede Geburt beginnt so, wie wir es uns wünschen. Aber ein schwieriger Start entscheidet nicht darüber, wie eure gemeinsame Geschichte weitergeht.

Nach einigen Tagen durfte ich meinem Sohn meine Muttermilch geben – zunächst noch über die Flasche.

Es war nicht der Weg, den ich mir vorgestellt hatte.

Aber es war ein erster Schritt.

Einen Tage später sollte ich ihn zum ersten Mal anlegen.

Ich saß dort mit meinem kleinen Sohn im Arm und fühlte mich plötzlich wieder unsicher.

Die Theorie aus den Videos war plötzlich verschwunden.

Und mein Sohn schaute mich an, als wollte er sagen:

„Was genau soll ich jetzt damit machen?“

Schließlich bekamen wir ein Stillhütchen.

Und plötzlich funktionierte es.

Ich war überglücklich.

Es klappt!

Das Ziel war erreicht – dachte ich.

Wir gingen nach Hause und ich glaubte, wir hätten den schwierigen Teil geschafft.

Doch unsere eigentliche Stillreise begann gerade erst.

Am Anfang lief alles ruhig.

Doch nach einigen Wochen wurde das Stillhütchen immer mehr zu einer Belastung.

Milch lief daneben.

Ich durfte das Haus nicht ohne das Stillhütchen verlassen.

Bei Ausflügen hatte ich Angst, es zu vergessen oder zu verlieren.

Die Angst, meinen Sohn nicht satt zu bekommen, weil das Stillhütchen fehlte, war groß.

Dann begann mein Sohn plötzlich, ständig an der Brust zu schreien.

Er trank, hörte auf und schrie.

Ich wusste nicht warum.

Und ich wusste nicht mehr weiter.

Ich suchte Hilfe.

Ich telefonierte mit einer Stillberaterin.

Ich probierte vieles aus.

Aber ich fühlte mich immer erschöpfter und trauriger.

Und irgendwann dachte ich:

„Vielleicht stille ich einfach ab, sobald er richtig essen kann.“

Doch manchmal passiert etwas, womit man überhaupt nicht rechnet.

Eines Tages waren wir in einem Möbelhaus.

Nach dem Einkauf saßen wir im Auto in der Parkgarage und mein Sohn bekam Hunger.

Ich machte mich bereit, legte ihn auf meinen Arm und griff nach meiner Tasche, um das Stillhütchen herauszuholen.

Dabei beugte ich mich nach vorne.

Und plötzlich merkte ich:

Er trinkt.

Ohne Stillhütchen.

Einfach so.

Ich war überrascht.

Ich war sprachlos.

Ich war glücklich.

Und ich traute mich kaum, mich zu freuen, weil ich Angst hatte, dass es nur ein Zufall war.

Doch es war keiner.

Von diesem Tag an brauchten wir das Stillhütchen nie wieder.

Kein Schreien mehr.

Keine nassen Shirts.

Keine Angst mehr, etwas vergessen zu haben.

Unsere Stillbeziehung wurde leicht.

Und wir durften bis zu seinem zweiten Geburtstag eine wunderschöne gemeinsame Stillzeit erleben.

Heute, wenn ich zurückblicke, denke ich oft:

Stillen ist etwas Natürliches.

Aber natürlich bedeutet nicht automatisch einfach.

Manchmal braucht Stillen Zeit.

Manchmal Unterstützung.

Und manchmal jemanden, der einfach sagt:

„Ich weiß, dass es schwer ist.“

Stillen ist eine Beziehung, die wachsen darf !

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